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Thomas Kunz & Matthias Theile
von rls anno 1998

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Der Split einer halbwegs bekannten Band hat ja nicht selten zur Folge, daß sich die Musiker völlig aus der Szene zurückziehen. Auch Thomas Kunz und Matthias Theile (beide voc, g, piano) haben eben dies nach der endgültigen Auflösung von Feel-seitig im Jahre 1994 getan: Sie arbeiteten zwar als Duo zusammen, machten aber "keine Musik für den kirchlichen Bereich". Lange ausgehalten haben sie das indes nicht, denn seit dem Frühsommer 1997 existiert das Projekt Kunz & Theile, das musikalisch aber mit Feel-seitig nicht mehr viel gemeinsam hat, sondern eher in Liedermachergefilden wildert. Nachzuhören ist dies nun auch auf einem selbstbetitelten Tonträger, was einen hübschen Anlaß für ein Interview darstellte. Thomas Kunz kabelte mir folgende Antworten durch:

Thomas Kunz

Du bist Gemeindepädagoge in Johanngeorgenstadt. Was sind eigentlich die Aufgaben eines solchen Menschen?

"Nun, ein Gemeindepädagoge nimmt so eine Art Zwischenstellung ein - er erfüllt sowohl Aufgaben eines Diakons als auch die eines Pfarrers. Das heißt: Ich gebe auf der einen Seite z.B. Religions- und Konfirmandenunterricht, stehe aber andererseits auch regelmäßig auf der Kanzel und predige. Manchmal beerdige ich auch jemanden. Ich habe in Eisenach am kirchlichen Seminar studiert und habe die Stelle des Johanngeorgenstädter Gemeindepädagogen jetzt seit vier Jahren inne."

Beschreib' mal bitte Deine musikalische Entwicklung!

"Ich habe als Kind eine klassische kirchenmusikalische Ausbildung durchlaufen, u.a. mit sechs Jahren Klavierunterricht. Mit 13 habe ich mir dann autodidaktisch das Gitarrespielen beigebracht und mit 15 meine erste 'Kirchenband' gegründet. Dieser folgten dann einige weitere, deren bekannteste wohl Feel-seitig gewesen sein dürfte, bei der auch Matthias Theile als Gitarrist dabei war. Feel-seitig haben seinerzeit oft live gespielt, auch auf einer Reihe von Festivals, z.B. zwei- oder dreimal in Neukirchen. Allerdings arbeitete die Band nicht ganz so konstant - es gab mehrere Auflösungen und Wiedergründungen ... Die Meinungen von fünf Leuten unter einen Hut zu kriegen ist halt nicht immer einfach. Als Duo-Projekt Kunz & Theile arbeiten Matthias und ich jetzt seit Frühsommer 1997 zusammen. Damit einher ging natürlich auch ein musikalischer Stilwechsel, denn klassische Rockmusik kriegst du nun mal nur mit einer klassischen Rockbesetzung zustande und nicht zu zweit. Dafür sind aber nur zwei Meinungen leichter aufeinander abzustimmen ..."

Wäre es zutreffend, Dich bzw. Euch als Liedermacher zu bezeichnen?

"Vom heutigen Stand der Musik aus ja."

Wo habt Ihr schon überall gespielt?

"Wir haben uns bisher ausschließlich auf den Kirchenbezirk Aue beschränkt, also in Aue, Schwarzenberg, Johanngeorgenstadt natürlich ... In dem Jahr, in dem Matthias und ich jetzt als Kunz & Theile-Projekt zusammenspielen, sind's allerdings auch erst sieben oder acht Konzerte gewesen, meist im Rahmen von Offenen Abenden. Eventuell ergibt sich mal die Möglichkeit, in unserer Partnergemeinde, der Stadtkirche Hannover, ein paar Konzerte zu spielen oder Veranstaltungen auszugestalten."

Johanngeorgenstadt ist ja bekanntlich Grenzstadt zu Tschechien. Da läge es doch nahe, dort mal zu spielen ...

"Das haben wir nicht ins Auge gefaßt. Die Beziehungen zum dortigen Kirchenbezirk sind einfach noch nicht hergestellt. Außerdem sind die ja schon wieder katholisch ..."

Ihr habt 1997 am Tag der Zeugnisausgabe einen Schuljahresabschlußgottesdienst veranstaltet. Gab es dieses Jahr auch wieder einen? Und was habt Ihr für Erfahrungen gemacht?

"Der 97er Schuljahresabschlußgottesdienst war unser erster Auftritt als Duo. Die Idee zu einem solchen Gottesdienst kam eigentlich von Schülern des Johanngeorgenstädter Pestalozzi-Gymnasiums. Letzten Endes waren etwa 80 Jugendliche da, und denen hat das durchaus gefallen, diese Kombination aus ein paar besinnlichen Worten und einem kleinen Konzert. Wir haben also auch dieses Jahr wieder einen gemacht, am 22. Juli direkt nach der Zeugnisausgabe, und diesmal hatten wir etwa 100 Besucher sowohl vom Gymnasium als auch von der Mittelschule. Da war schon richtig was los."

Ihr habt innerhalb von einem halben Jahr gleich zweimal in der Annenkirche zu Grünstädtel gespielt, wobei das zweite Konzert gleichzeitig der Premiere des Tapes diente. Gibt es irgend eine besondere Beziehung zu dieser Gemeinde?

"Nun, die Jugendwartin des Kirchenbezirkes Aue wohnt in Grünstädtel und veranstaltet dort regelmäßig sehr gut besuchte Offene Abende. Auch wir hatten zur Tape-Premiere immerhin 250 Leute da. Außerdem ist es eine richtig hübsche, schön restaurierte und auch gemütliche Kirche, mit Holzfußboden und Stühlen, die man sich dann selber in die passende Anordnung stellen kann. Auch die Akustik ist dort echt okay."

Wie wichtig sind Euch musikalische und textliche Eingängigkeit?

"Sehr wichtig. Von der Musik her versuchen wir es so zu halten, daß man schon nach nur einmaligem Hören mitsingen kann, zumindest die Refrains. Das gibt live auch eine viel bessere und offenere Atmosphäre. Bei den Texten haben wir ja eine Art Zweiteilung vorgenommen: Auf Seite 1 des Tapes, der 'Kinderseite', sind die Texte etwas einfacher und leichter nachvollziehbar gehalten als auf Seite 2, der 'Erwachsenenseite', wo die etwas anspruchsvolleren Sachen verewigt sind, in die man sich auch etwas mehr hineindenken muß. Die Mischung aus diesen beiden Typen, live je nach zu erwartendem Publikum natürlich gewichtet, macht's dann. Wir hatten auch schon mal ein Programm, das nur anspruchsvolle Texte enthielt - da blieben als Zielgruppe aber nur noch 'Intellektuelle' und Studenten übrig, und damit hat man hier im Erzgebirge nur wenige Auftrittsmöglichkeiten, weil es kaum Studentenclubs oder so etwas Ähnliches gibt. Mit unserer jetzigen Mixtur sprechen wir sicher ein breiteres Publikum an."

Nun ist aber gerade der Song "Regenbogen" auf der Kinderseite textlich relativ symbolisch gehalten. Verstehen die Kinder das denn?

"Naja, du hast schon recht, das ist vom Text her sicher ein Song, der auch problemlos auf die Erwachsenenseite passen würde. Dafür ist er aber sehr leicht nachzusingen, was für Kinder ja sehr wichtig ist, und steht damit wohl doch zu Recht auf dieser Seite. Außerdem sollten auf jede Seite sieben Tracks, und hätten wir 'Regenbogen' mit auf die Erwachsenenseite gepackt, dann hätten dort acht Songs gestanden und auf der Kinderseite nur sechs ..."

Im Booklet des Tapes sind das "Rüstzeitlied" und "Kleine Welt" mit einem Sternchen markiert, dessen Bedeutung aber nirgendwo erklärt ist und sich mir auch nach dem Hören der Songs nicht erschlossen hat ...

"Das Booklet hat eine Bekannte am Computer geschrieben. Ich habe es erst zu Gesicht bekommen, als alles schon fertig und gedruckt war. Tja, und dann entdeckte ich eben diese Sternchen ... Das sind also reine Druckfehler ohne jegliche hintergründige Bedeutung."

Der meiner Meinung nach beste Song ist das Instrumental "tief", das seinem Namen alle Ehre macht, also wirklich emotional tiefschürfend ausgefallen ist. Was sind das eigentlich für Geräusche im Hintergrund?

Matthias Theile

"Das müßtest Du eigentlich Matthias fragen, denn der ist der Synthie-Experte bei uns. Dieses Geräusch hat er auch aus den Tiefen irgendeines Synthesizers herausgeholt. Irgendwie klingt es wie unter Wasser, wie ein U-Boot oder so ähnlich. Wenn man das Geräusch wegläßt, klingt der Song ein bißchen zu simpel, fast schon kitschig. Allerdings gibt es auch andere Meinungen. Da unsere Songs ja auch von sagen wir mal Hausfrauen zwischen 40 und 50 gehört werden, kommen da schon mal Stimmen nach der Art, was denn das für ein grauenvolles Geräusch im Hintergrund sei und ob das nicht auch ohne gegangen wäre ..."

Auf der Kinderseite befinden sich zwei in Aue aufgenommene Livetracks, wobei das Publikum allerdings nur bei den Refrains zu hören ist. Steckt da eine Connection zur JG Aue-Zelle dahinter, der im Booklet ausdrücklich gedankt wird?

"Ja, dem ist so. Die Aufnahmen haben allerdings nicht bei einem Jugendgottesdienst oder einer ähnlich großen Veranstaltung stattgefunden, sondern einfach in dem Raum, wo sich die JG trifft. Das war fast ein bißchen session-mäßig."

Liest man die Titel der ersten Songs auf der Erwachsenenseite ("Lolita", "Kind ohne Träume", "tief", "mißbraucht"), kommt man spontan auf eine gedankliche Verbindung zu den letztes Jahr ermittelten belgischen Kinderschändern ...

"Das ist aber eher Zufall, und wenn man dann die Texte hört, dann gehen die doch in eine etwas andere Richtung, mal abgesehen von 'mißbraucht' - der ist allerdings schon bedeutend älter und stammt noch aus Feel-seitig-Zeiten. Das muß so 1991 gewesen sein, als wir den geschrieben haben."

In "Freude spür'n" vermutete Lars Rosenkranz, der Rezensent der "Freien Presse", die Verarbeitung von "Sehnsüchten nach dem Ende eines langen Winters in Johanngeorgenstadt". Meiner Meinung nach ist der Winter in diesem Text aber eher metaphorisch zu verstehen ...

"Da hat es ein kleines Mißverständnis gegeben. Beim Konzert, das der Lars Rosenkranz rezensiert hat, habe ich vor 'Sag ´Ich will´' eine Ansage gemacht, daß dieses Lied am Ende eines langen Winters geschrieben worden ist (wir hier oben haben ja manchmal ein halbes Jahr Winter) und die entsprechenden Sehnsüchte rüberbringen soll. Lars hat das dann für seine Rezension übernommen, aber schlicht und einfach die Lieder verwechselt. Der Winter in 'Freude spür'n' - da hast Du völlig recht - ist wirklich nur als Sinnbild zu verstehen."

Der Sound des Tapes ist ziemlich gut. Ein kleines Problem sah ich nur bei "Ein Lied für dich", wo das Klavier die Gitarre förmlich niederhämmert ...

"Da bist Du nicht der erste, der das anspricht. Allerdings muß gesagt werden, daß die Dominanz des Klaviers über die Gitarre - und damit deren Reduktion zu einem Klirren im Hintergrund - von uns so geplant war. Letztlich ist es einfach Geschmackssache."

Der Posaunenchor, dem ich angehöre, hat 1996 seine Chorausfahrt nach Johanngeorgenstadt gemacht und dort beinahe eine unangenehme Begegnung mit ein paar neonazistischen Jugendlichen gehabt. Die Leute vom Lazarusstift erzählten uns später, daß der Rechtsextremismus ein großes Problem in der Stadt darstelle. Ist das immer noch so?

"Leider ja. Johanngeorgenstadt gilt als eine der Städte mit dem problematischsten Rechtspotential Sachsens. Dies liegt sicher auch in der Geschichte, der Infrastruktur und der kompletten Devastierung der Innenstadt durch den Bergbau begründet. Es herrscht große Resignation unter den Jugendlichen, die Fluktuation ist hoch, und die, die dableiben, haben teilweise nicht unbedingt die allerbesten Perspektiven. Übrigens hat auch der Linksextremismus große Potentiale hier, und es gibt dann immer wieder Prügeleien zwischen Punks und Rechten. Ich habe das quasi vom Wohnzimmerfenster aus mitverfolgen können, denn nicht weit von meinem Haus steht so 'ne alte Abrißbude, wo sich die Punks immer getroffen haben. Einige Male gab's da regelrechte Schlachten zwischen diesen Gruppen ..."

Okay, (hoffentlich) etwas Erbaulicheres zum Abschluß: Wie sehen Eure Pläne für die Zukunft aus?

"Wir werden in puncto Konzerte jetzt erstmal etwas kürzer treten, zumindest was den Kirchenbezirk Aue angeht, den wir ja jetzt intensiv 'abgegrast' haben. Statt dessen konzentrieren wir uns darauf, an neuen Liedern zu feilen und vielleicht ein komplett neues Programm zusammenzubasteln. Dieses werden wir dann wohl nach dem nächsten Winter auch live vorstellen."

Dann bleibt ja noch genug Zeit fürs interessierte Publikum, die Lieder anhand der Tonkonserve schon mal ein bißchen zu üben. Erhältlich ist selbige bei Thomas Kunz, Ritterstraße 5, 08298 Schneeberg, Tel. (0177) 5871741. Die Tapeversion kostet einen Zehnmarkschein, als Silberling gibt's das Teil für 15 DeÄm.









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